Brigitte Dorst

Sehnsucht – „Es pocht eine Sehnsucht an die Welt“ (E. Lasker-Schüler) Sehnsucht – Emotion zwischen Begehren, Liebe und Transzendenz

Sehnsucht ist ein archetypisches Phänomen, das konstitutiv zum Menschsein gehört und ein breites Spektrum unterschiedlicher Emotionen umfasst. Als vitaler Lebensimpuls kommt sie in konkreten Wünschen zum Ausdruck. Sie kann sich aber ebenso auf Grundlegendes richten, als Sehnsucht nach Frieden, Freiheit, Zugehörigkeit, als Wunsch, erkannt zu werden.

Die Dynamik der Sehnsucht entsteht aus Erfahrungen des Mangels, verweist den Menschen auf das, was ihm fehlt – es ist ein schmerzhaftes „Noch nicht“ oder „Nicht mehr“ auf der Zeitachse rückwärts oder nach vorn gerichtet. Verborgen ist darin oft eine Suche nach Ganzheit, wie C. G. Jung sie in seinem Konzept der Individuation beschrieben hat.

In einer Haben-Gesellschaft (E. Fromm) finden sich verschiedene Formen einer verdinglichten Sehnsucht, die sich mit Hilfe der Werbepsychologie auf käufliche Sehnsuchtsprodukte richtet und in verschiedenen Süchten destruktiv und zerstörerisch wirkt.

Die tiefere Sehnsucht aber drängt Menschen immer wieder über sich selbst hinaus, so wie R. M. Rilke es in den Duineser Elegien ausdrückt: „… denn das eigene Herz übersteigt uns.“ Damit richtet sich eine spirituelle Sehnsucht auf Themen nach dem Woher und Wohin unseres Daseins, nach dem Sinn des Lebens und dem Absoluten, als heilige Sehnsucht nach einem göttlichen Du.

Der Vortrag beschreibt aus analytischer Perspektive phänomenologisch die verschiedenen Formen der Sehnsucht und bezieht philosophische Ansätze, Literatur und Dichtung mit ein (u.a. die Liebessehnsucht zwischen Lancelot und Guinevra in der Artussage, Dichtung und Malerei der Romantik, literarische Beispiele von Goethe bis Berthold Brecht, wie das Sehnsuchtslied der Seeräuberjenny in der Dreigroschenoper). Ebenso sollen neurowissenschaftliche Studien zur Verbindung von Sehnsucht und spiritueller Praxis hinzugezogen werden.

Bio

  • Dipl.-Psychologin, Studium der Psychologie, Philosophie und Pädagogik, Professorin für Psychologie, Jung’sche Psychoanalytikerin, approbierte Psychotherapeutin in eigener Praxis, Trainerin für Gruppendynamik, Supervisorin
  • Lehranalytikerin am C. G. Jung-Institut Stuttgart und Dozentin an den C. G. Jung-Instituten Zürich, Stuttgart und München
  • 2007 bis 2013: 1. Vorsitzende der C. G. Jung-Gesellschaft Köln
  • 2008 bis 2017: Wissenschaftliche Leiterin der Internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie e.V. (IGT)
  • Lehrtätigkeit in der Fort- und Weiterbildung an verschiedenen psychotherapeutischen Ausbildungsinstituten in Deutschland und in der Schweiz
  • Vortragstätigkeit und Mitarbeit bei zahlreichen psychologischen Fachtagungen und Kongressen (u.a. Lindauer Psychotherapiewochen, Tagungen der Internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie IGT, Tagungen der DGAP) . -Mitglied in verschiedenen psychotherapeutischen Verbänden (u.a. in der IAAP, DGAP, DGPT)
  • Supervision in verschiedenen pädagogischen und psychotherapeutischen Bereichen
  • Arbeitsschwerpunkte: Symbolpsychologie, Lebenskrisen und Krisenintervention, Analytische Gruppenpsychotherapie, Alterspsychologie, Analytische Psychologie und Spiritualität, Sufismus Von 2009 bis 2017 Mitherausgeberin der Tagungsbände der Internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie (IGT)

Zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt:

  • Therapeutisches Arbeiten mit Symbolen. Wege in die innere Bilderwelt (3. Aufl. 2022), C. G. Jung: Schriften zu Spiritualität und Transzendenz (2. Aufl. 2021, Hg.),
  • Alles beginnt mit Sehnsucht und Suche. Herzensbildung auf dem Sufi-Weg (2018),
  • Resilienz. Seelische Widerstandskräfte stärken (2. Aufl. 2018)

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